Im Laufe meiner Arbeit, sowohl mit Teams im Sport, als auch mit Teams und Teamführungen in der Arbeitswelt, habe ich die Gleichheitsidee und den ihr nahe stehende Wunsch nach Harmonie und Konfliktfreiheit immer als Hemmnis in der Weiterentwicklung von Arbeitsgruppen erlebt. Teammitglieder sind nie gleich. Sie unterscheiden sich hinsichtlich des Beitrages zum Erfolg, hinsichtlich ihrer Austauschbarkeit, hinsichtlich ihrer Reputation für das Team und meist auch hinsichtlich ihrer Entlohnung. Wenn Teams über längere Zeit harmonisch miteinander arbeiten, besteht immer die Gefahr, dass sie ihr Potenzial der Aufgabenerfüllung nicht voll ausschöpfen.
Die Ungleichheit der Beteiligten ist sowohl Voraussetzung für Teamarbeit, als auch für Organisationen im Allgemeinen. Wenn in einem Operationssaal drei Chirurgen ans Messer wollen, dann entsteht ein blutiges Gefecht, aber keine Operation, keine koordinierte, arbeitsteilige Zusammenarbeit (und wer möchte dort als Patient liegen?). Erst die Kommunikation von bestehenden Unterschieden lässt einen Prozess entstehen, der die Kompetenzen der Einzelpersonen übersteigt. Sollen sowohl die Identität, als auch die Effektivität von Teams gewahrt bleiben, dann muss dieses Spannungsfeld aufrecht erhalten bleiben und im Gegensatz zum vorherrschenden Konfliktverständnis sind Konflikte nicht Zeichen für Dilettantismus sondern Zeichen eines funktionierenden, lebendigen Teams.
Zugegeben, nur wenige Menschen freuen sich auf Konflikte. Konflikte erleben die meisten von uns als unangenehm und bedrohlich. Konflikte aktivieren unsere Mandelkernregion (Amygdala) im Gehirn, diese schüttet Stresshormone aus, der Blutdruck steigt, die Muskelspannung nimmt zu, Schweißperlen treten auf die Stirn, der Fluchttrieb erwacht und uralte, meist implizite, aus unserer Kindheit stammende, neuronale Verschaltungen (Erinnerungen) an Fehlverhalten, Bestrafung, Scham und Aufmerksamkeitsentzug fangen an unser Verhalten zu bestimmen.
Da es zu kaum einer beruflicher Ausbildung gehört, Konflikte im Beruf zu lösen, greifen wir in diesen Situationen auf unser zu Hause gelerntes Konfliktverhalten zurück: Vermeidung, Verleugnung, Ausbrüche, Beschwichtigungen, oberflächliche Sachlösungen, faule Kompromisse, Nachgeben, etc.. Kurzfristig ist der Konflikt zwar gezähmt, langfristig führt er aber zu einer Erschwerung der Zusammenarbeit. „Die Illusionen von heute sind die Katastrophen von morgen.“
Konflikte, die nicht dort ausgetragen werden, wo sie entstehen, belasten das Arbeitsklima und suchen sich irgendwann und irgendwo einen Weg an die Oberfläche. Auch die größten Konflikte haben klein angefangen! Eine gründliche und saubere Konfliktbearbeitung kann zu einer qualitativ neuen, realeren Zusammenarbeit führen. Es wird (hoffentlich) nicht so sein „wie früher“ – es wird anders und besser! „Besser“ heißt hier, realistischer, tatsächlicher und wahrer.


